Erwins Weihnachten

Weihnachtlich geschmückte Einkaufsstraße
Weihnachtlich geschmückte Einkaufsstraße

Erwin* sitzt fast immer an derselben Stelle. An der Wand zwischen Drogeriemarkt und Optiker, deren Eingänge überdacht sind, bleibt er sogar trocken, wenn es regnet. Seine Gelenke tun ihm weh, deshalb hockt er leicht erhöht auf seinem Köfferchen, in dem er seine Habseligkeiten verstaut hat. Neben ihm eine Kaufhaustüte mit Kleinkram für den heutigen Tag, vor ihm ein Puppenstühlchen mit einem kleinen Teddybären und einem Becher, in dem er das Geld sammelt. 

 

Viel braucht Erwin nicht. Wenn es warm ist, schläft er draußen auf einer Bank in seinem Schlafsack. Dann reicht das Geld für Essen, Kaffee und Zigaretten, auch an schlechten Tagen. Alkohol trinkt er nicht. 

 „Das bringt doch nix“, sagt er, „Guck Dir doch mal die Penner an, da!“

 Er deutet auf offensichtlich betrunkene Bettler ein paar Meter weiter.

 „Die nehmen mir nur die Kundschaft weg“, meint er.

 

 Vor Weihnachten sind die Leute großzügiger und werfen nicht nur Centstücke in seinen Becher. 

 „Was machste denn zu Weihnachten“, frage ich. 

 „Pah, Weihnachten ist mir egal. Schon immer. Habe ich noch nie gefeiert. Ein paar Einladungen habe ich ja gekriegt, aber ich habe keine Lust. Ich geh lieber in ein preiswertes Hotel und bestell mir ne Pizza beim Lieferservice. Vielleicht gucke ich noch ein bisschen Fernsehen. Dann gehe ich ins Bett und das war‘s mit Weihnachten. Ja, ist doch wahr!“

 

Erwin grinst mich aus seinem zahnlosen Mund an und zieht sich die Mütze tiefer ins Gesicht. Ich drücke ihm noch ein Geldstück in die Hand, bevor ich weitergehe und sage:

 „Na denn, frohe Weihnachten!“

Ich schüttele seine kalte Hand.

„Ich wünsch Dir was“, antwortet er, „bis demnächst.“

 

*Name von der Redaktion geändert

 

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